Machen uns die Ärzte krank?

 

Das soziale Anliegen der Versorgung von Kranken verträgt sich nicht mit den privatwirtschaftlichen Motiven Wirtschaftswachstum und Gewinnmaximierung. Diese Ziele würden mit mehr Krankheit erreicht, während das gesellschaftliche Ziel in mehr Gesundheit besteht.

 

Zwischen 1992 und 2015 sind die Ausgaben im Gesundheitswesen um 116 % gestiegen; die Lebenshaltungskosten haben sich im gleichen Zeitraum nur um 45 % erhöht. Die offizielle Begründung (der Ärztefunktionäre): technischer Fortschritt, gestiegene Lebenserwartung und Zivilisationskrankheiten. Gestiegen ist auch die Zahl der Ärzte, und zwar um 47 % und 1,45 × 1,47 ergibt 2,13; liegt also sehr dich an 2,16 (1,16 + 1). Hätten wir mehr Ärzte, weil die Gesellschaft sie braucht? Dann müssten erst die Krankheitskosten steigen (die Mehrarbeit würde von den existierenden Ärzten abgedeckt) und eigentlich erst mit einigen Jahren Verzögerung wegen der Ausbildung würde sich die Zahl der Ärzte erhöhen. Das war aber nicht der Fall! Die Zahlen im Einzelnen:  

    

 

Ausgaben

Ärzte

Ausgaben

Arzt-

 

Lebens-

 

Jahr

in Mio. €

in Tsd.

je Arzt

kosten

+/-

haltung

+/-

1992

159.504

251,9

633.204

72,6

 

73,8

 

2000

214.305

294,7

727.197

83,3

14,8%

85,7

16,2%

2005

242.409

308,8

785.003

90,0

7,9%

92,5

7,9%

2010

291.115

333,6

872.647

100,0

11,2%

100,0

8,2%

2011

296.617

342,1

867.048

99,4

-0,6%

102,1

2,1%

2012

304.230

348,7

872.469

100,0

0,6%

104,1

2,0%

2013

315.984

357,2

884.614

101,4

1,4%

105,7

1,5%

2014

329.198

365,2

901.418

103,3

1,9%

106,6

0,9%

2015

344.153

371,3

926.887

106,2

2,8%

106,9

0,2%

 

(Quelle: Statistische Bundesamt,

http://www.gbe-bund.de/oowa921-install/servlet/oowa/aw92/dboowasys921.xwdevkit/xwd_init?gbe.isgbetol/xs_start_neu/&p_aid=i&p_aid=71005848&nummer=522&p_sprache=D&p_indsp=-&p_aid=17821992

 und Statista, https://de.statista.com/statistik/daten/studie/158869/umfrage/anzahl-der-aerzte-in-deutschland-seit-1990/ )

  

Die Zahlen sind eindeutig! Es gibt keine Zeitverzögerung. Arztkostenindex und Lebenshaltungskostenindex verlaufen ähnlich. Die Kostensteigerung beruht auf der Zahl der Ärzte!

  

Wer war zuerst da, das Huhn oder das Ei – bzw. die Krankheit oder der Arzt? Haben wir mehr Ärzte, weil wir krank sind, oder sind wir krank, weil wir mehr Ärzte haben? Ermittelt man die jährlichen Steigerungsraten ab 2011 bestätigt sich diese Schlussfolgerung:

 

 

Die Zahl der Ärzte steigt jedes Jahr um ca. 2 %, die Inflationsrate sinkt und die Kosten des Gesundheitswesens steigen kräftig an; die Ausgaben pro Arzt sogar noch etwas kräftiger. 2013 bis 2015 nimmt der Anstieg bei den Ärzten ab und auch die Gesundheitskosten steigen verhaltener. Das lässt den Schluss zu, dass Menschen für krank erklärt und behandelt werden, weil die steigende Zahl der Ärzte versorgt werden und auch ihr Einkommen steigern will. Ärzte sind Unternehmer und sie wollen ihre Therapien verkaufen. Z.B. gab es früher lebhafte Kinder; heute wird bei ihnen ADHS diagnostiziert und ihnen werden Psychopharmaka verschrieben. Bezahlen sollen die Krankenkassen und der Staat – also wir! Aber werden die Menschen davon gesünder?

 

Auch aus eigener Erfahrung (vor Jahrzehnten) kann ich ein Beispiel beitragen. Wegen einiger Löcher in den Zähnen ging ich zu einem Zahnarzt mit einem Ruf, besonders einfühlsam zu behandeln. Der stellte eine lange Liste von kariösen Zähnen fest und gab mir eine ebenso lange Liste mit Terminen, an denen er diese behandeln wollte; jeden Termin konnte er einzeln abrechnen. Ich verlor aber bald die Lust an den langen Wartezeiten und ging zu einem „Pferdeschlachter“ (ein altmodischer Zahnarzt, der ohne Rücksicht auf die Patienten alles sofort behandelte). Zu meinem Erstaunen stellte der aber nur ein einziges Loch fest, und die Behandlung war auch nicht sehr schmerzhaft. Der Kollege hatte noch 5 weitere Termine vorgesehen – wofür? Wollte er mir Löcher in gesunde Zähne bohren, damit er sie wieder füllen und jeweils eine Behandlung abrechnen konnte? Mit der o.g. Statistik könnte man auf diesen Gedanken kommen.

 

In in den letzten Jahren lesen wir immer wieder von Abrechnungsbetrug, z.B.

 

http://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/abrechnungsbetrug-im-gesundheitswesen-der-polizist-der-kriminelle-aerzte-in-berlin-jagt/19302974.html

 

http://www.iww.de/aaa/archiv/abrechnungsbetrug-strafrechtliche-vorwuerfe-gegen-aerzte-konsequenzen-und-verteidigungsstrategie-f39290

 

http://www.br.de/nachrichten/pflege-abrechnungsbetrug-netzwerk-100.html

 

http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-10/krankenkasse-aerzte-falschdiagnose-manipulation-abrechnung

 

http://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/panorama/nachricht-detail-panorama/gewerbsmaessiger-betrug-aerztin-wegen-abrechnungsbetruges-angeklagt/

 

https://www.asu-arbeitsmedizin.com/ASU-2013-4/Abrechnungsbetrug-bei-nicht-persoenlich-erbrachten-Leistungen,QUlEPTQwMzMyMCZNSUQ9MTEwNTc2.html

 

https://www.pwc.de/de/gesundheitswesen-und-pharma/assets/pwc-studie-zeigt-handlungsbedarf-fuer-krankenversicherungen.pdf

 

https://www.waz.de/staedte/bochum/abrechnungsbetrug-aerztin-erneut-zu-haftstrafe-verurteilt-id209929835.html

 

und wir zucken mit den Schultern, als wenn wir mit nichts anderem gerechnet hätten. Vom Abrechnungsbetrug ist die legale Abzocke zu unterscheiden. Betrug ist eigentlich nur die Abrechnung von Leistungen, die nicht erbracht wurden. Wenn aber - wie im Zahnarzt-Beispiel - ein Arzt eine überflüssige Behandlung für medizinisch notwendig erklärt und sie durchführt, ist das Arbeitsbeschaffung und kein Betrug. Und wenn man seinen Arzt beim Einkaufen trifft, der einen nach dem Ergebnis der letzten Behandlung fragt und man auf diese Frage antwortet, darf der Arzt schon eine Beratung in Rechnung stellen. Für Privatpatienten gibt es dann extra Abrechnungsgesellschaften, die den Arzt noch darüber informieren, was sie noch alles abrechnen können, weil die Versicherungen es anerkennen. Dass ein Patient erkennt, dass diese Leistungen in Wirklichkeit nie erbracht wurden, ist selten. Die Statistik mit der Kostenexplosion im Gesundheitswesen kann dann auch niemanden überraschen.

 

Wir glauben auch nicht jeder Werbung, die uns nutzlose Produkte aufschwatzen will. Warum glauben wir den Ärzten - weil die Krankenkasse bezahlt? Im September 2017 sind Bundestagswahlen, aber schon viele Gesundheitsminister haben sich an der Ärzte-Lobby die Zähne ausgebissen. Geld regiert die Welt – nicht die vom Volk gewählten Abgeordneten!

 

Zwei-Klassen-Medizin

 

Die Zwei-Klassen-Medizin ist dabei noch ein anderes Thema. Man sollte aber nicht unterschlagen, dass von Privatpatienten der 2,3fache Gebührensatz verlangt wird und von der GKV für Kassenpatienten der 0,9fache. Dann ist wohl auch klar, dass Privatpatienten dann sofort Termine bekommen und dabei mit überflüssigen Behandlungen und Medikamenten zugeschüttet werden. Dadurch sind auch die Beiträge hoch – von Privilegien kann also keine Rede sein. Auch die Privat-Patienten wären deshalb über eine Bürgerversicherung froh, nur nicht die Ärzte und die Versicherungen.

      

Was viele Menschen auch nicht wissen: Die meisten Kunden der privaten Krankenversicherungen sind Beamte. Der Staat verweigert seinen Staatsdienern die Arbeitgeberbeiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung, unterhält stattdessen ein bürokratisches Beihilfesystem, und zahlt dabei 50 % der 2,3fachen Arzthonorare statt der 0,9fachen. Für die restlichen 50 % muss man eine private Krankenversicherung abschließen und dort auch noch den Ehepartner sowie die Kinder extra versichern, die in der gesetzlichen Krankenversicherung kostenfrei mitversichert wären. Das war ein Geschenk an eine Berufsgruppe, die früher zu den treuesten FDP-Wählern zählte. Ohne diese gigantische Steuerverschwendung für die verdeckte Subvention der Ärzte in den besseren Wohngegenden der Städte (Landärzte haben kaum etwas davon) wären die privaten Krankenversicherungen wie auch die Mafia der privatärztlichen Abrechnungseinrichtungen (die Ärzte zum Abrechnungsbetrug anstiften) nicht lebensfähig.

 

 

Wucherpreise für Medikamente

 
Ein weiterer Skandal sind die Arzneimittelpreise, die die Pharmaindustrie für ein Jahr einseitig festlegen darf (http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/streit-um-arzneimittelpreise-20-000-euro-fuer-ein-medikament/10344968.html). 2016 hat z.B. die Merck KGaA aus Darmstadt 11,6 % ihrer Umsätze für Verkaufs- und Werbedienstleistungen ausgegeben, 2015 waren es noch 10,8 %. Nicht dazu zählten die Personalkosten der eigenen Werbeabteilung. Auch diese Kosten werden zur Begründung der Preisforderungen angeführt und am Ende von den Krankenkassen bezahlt. Als Folge der Selbstbedienungsmentalität der Pharmaunternehmen werden natürlich Wucherpreise verlangt.
  
Bei Krebstherapien liegen die Kosten für ein Jahr Lebensverlängerung zwischen 60.000 und 160.000 €. (http://www.tagesspiegel.de/wissen/krebsbehandlung-160-000-euro-pro-lebensjahr/1045720.html) Würde man den unheilbar Kranken ein Behandlungsbudget von 110.000 € (= Mittelwert) mit einem Wahlrecht anbieten, sich bei Verzicht auf eine lebensverlängernde Behandlung den Betrag auszahlen zu lassen, dann würde sicher die große Mehrheit der Patienten lieber das Geld nehmen und ihren Kindern geben, als ihr Leben mit schlechter Lebensqualität um einige Monate zu verlängern. Sie entscheiden sich nur dann für die teure Therapie, wenn nicht die eigenen Kinder, sondern die große Masse der Beitragszahler mit den Kosten belastet wird.

 

 

internationaler Vergleich

 

Unsere medizinische Überversorgung ist ethisch nicht zu rechtfertigen. Bei uns werden von den Krankenkassen 100.000 € ausgegeben, um das Leben und Leiden eines Krebspatienten um ein Jahr zu verlängern. In Afrika sterben Kinder, weil sich ihre Familien ein Medikament für 10 € nicht leisten können. Ist ein Jahr Leben eines Lungenkrebspatienten, der als Raucher seine Gesundheit selbst geschädigt hat, wirklich so wiel wert wie das Leben von 10.000 afrikanischen Kindern, die jeweils noch 70 Jahre vor sich haben? "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich!" (Art. 3 Abs. 1 GG)

 

Nun will niemand die Niveauabsenkung unseres Gesundheitswesens auf das afrikanischer Länder. Man kann sich aber durchaus an anderen OECD-Ländern orientieren. Deutschland gab 2013 11 % seines Bruttoinlandsprodukts für das Gesundheitswesen aus. Damit lagen wir international an 5. Stelle der OECD-Länder. Finnland hatte 8,6 %, Großbritannien 8,5 %, Estland kam mit 6 % aus. Würde man die Kosten auf den OEDC-Durchschnitt von 8,9 %, das Niveau von Norwegen (kein armes Land!) drücken können, hätte man 2013 25,2 % der Kosten oder knapp 80 Mrd. € eingespart. 

 

Abbildung: Gesundheitsausgaben in % des Bruttoinlandsprodukts

Quelle: OECD Health Statistics 2015, http://www.oecd.org/berlin/presse/Health-Statistics-Deutschland-Laendernotiz.pdf

 

Staatliche Gesundheitssysteme schaffen zu vertretbaren Kosten eine ordentliche Durchschnittsversorgung, aber kaum medizinische Spitzenleistungen. Extrem privatisierte Systeme (z.B. USA) schaffen eine Spitzenmedizin für wenige und eine schlechte Versorgung für die breite Masse. Die USA sind dabei noch 50 % teurer als Deutschland, das auch auf privat wirtschaftende Ärzte setzt. Dann stehen aber auch private Gewinninteressen und nicht die Versorgung der Kranken im Vordergrund. Bei einem sozialen Anliegen sind privatwirtschaftliche Gestaltungen deshalb ein Widerspruch und nicht effektiv.

  

Man muss den Gedanken aufgeben, dass das Gesundheitssystem ein Rundum-Wohlfühl-Paket anbieten und auch bezahlen kann. Es müssen die elementaren Risiken abgedeckt werden und auch größere Kosten können gerechtfertigt werden, wenn man ein Leben dauerhaft retten kann. Natürlich würde man auch das Leben sehr alter Menschen retten, die wahrscheinlich bald an einer anderen Erkrankung sterben würden und wo die Lebensrettung im Ergebnis nur eine Lebensverlängerung wäre. Die künstliche Verlängerung des Sterbeprozesses auf Kosten der Allgemeinheit, auch wenn kein ausdrücklicher Widerspruch in einer Patientenverfügung vorliegt, ist aber nicht zu rechtfertigen.

 

 

 

 
 
Siehe auch: Falsche Diagnosen: Wenn Patienten zur Einnahmequelle werden, ARD- plusminus, 25.01.17, http://www.daserste.de/information/wirtschaft-boerse/plusminus/sendung/falsche-diagnosen-102.html